Depressive Symptome werden häufig als etwas beschrieben, das „weg muss“. Als Störung, als Defizit, als Zeichen von Schwäche.
Viele Frauen, die zu mir in die Beratung kommen, haben genau diesen Blick auf sich selbst verinnerlicht: Mit mir stimmt etwas nicht.
Die psychologische und systemische Perspektive eröffnet jedoch ein anderes, oft entlastendes Bild. Depressive Symptome können – bei aller Schwere und allem Leid, das sie mit sich bringen – auch als eine sinnvolle Reaktion der Psyche auf anhaltende Überforderung verstanden werden. Als ein Versuch der Psyche, mit etwas umzugehen, das zu viel, zu lange oder zu widersprüchlich geworden ist.
Dieser Blick verändert nicht die Realität der Erschöpfung, der Hoffnungslosigkeit oder der inneren Leere. Aber er verändert den inneren Ton, mit dem wir uns selbst begegnen. Und genau dort beginnt häufig eine erste, leise Entlastung.
Wenn das Leben langsamer wird
Viele Betroffene beschreiben depressive Phasen als ein inneres Abbremsen. Dinge, die früher selbstverständlich waren, kosten plötzlich unendlich viel Kraft. Gedanken werden schwer, der Körper müde, die Welt wirkt gedämpft. Es ist, als würde das innere System auf Sparflamme schalten.
Aus psychologischer Sicht kann diese Verlangsamung ein Schutzmechanismus sein. Wenn Anforderungen, emotionale Belastungen oder innere Konflikte über längere Zeit nicht verarbeitet werden konnten, reagiert das Nervensystem oft mit Rückzug. Aktivität, Kontakt und emotionale Intensität werden reduziert, um Überforderung zu vermeiden. Nicht aus Willensschwäche, sondern aus Selbstschutz.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl, morgens aufzuwachen und schon beim ersten Gedanken zu spüren, wie schwer der Tag wirkt. Vielleicht ist da eine innere Stimme, die sagt: Ich kann nicht mehr. Diese Stimme ist nicht dein Feind. Sie ist ein Signal.
Das Nervensystem und die Sprache der Erschöpfung
Unser Nervensystem ist darauf ausgelegt, zwischen Anspannung und Entspannung zu pendeln. In einem gesunden Rhythmus wechseln sich Aktivität und Regeneration ab. Doch viele Frauen leben über Jahre in einem Zustand chronischer Anpassung: funktionieren, stark sein, Verantwortung tragen, Bedürfnisse zurückstellen.
Wenn diese Daueranspannung nicht unterbrochen wird, findet das Nervensystem irgendwann keinen Weg zurück in die Erholung. Depressive Symptome können dann Ausdruck eines Zusammenbruchs dieses Systems sein. Nicht im Sinne eines Versagens, sondern als letzte Möglichkeit, eine Pause zu erzwingen.
Die innere Leere, die viele beschreiben, ist oft keine Abwesenheit von Gefühlen, sondern ein Überlebenszustand. Gefühle wurden zu lange unterdrückt oder waren zu schmerzhaft, um sie zuzulassen. Das System reagiert mit Abschaltung.
Was würde passieren, wenn du deine Erschöpfung nicht als Schwäche, sondern als Botschaft betrachtest?
Biografische Prägungen: Wenn Anpassung früh gelernt wurde
Viele depressive Muster haben ihre Wurzeln in frühen Erfahrungen. Besonders Frauen, die gelernt haben, früh Verantwortung zu übernehmen, sich anzupassen oder emotional verfügbar zu sein, tragen diese Muster oft unbewusst ins Erwachsenenleben.
Vielleicht war da in deiner Kindheit wenig Raum für deine eigenen Gefühle. Vielleicht hast du gelernt, „brav“ zu sein, nicht zur Last zu fallen oder stark zu bleiben, während andere Unterstützung brauchten. Solche Erfahrungen prägen innere Glaubenssätze wie: Meine Bedürfnisse sind nicht wichtig oder Ich darf nur dann da sein, wenn ich funktioniere.
Depressive Symptome können in diesem Kontext ein innerer Protest sein. Ein stilles Nein zu einem Leben, das sich zu lange nicht nach dem eigenen Selbst angefühlt hat. Die Psyche zieht sich zurück, weil sie keinen anderen Ausdruck mehr findet.
Die innere Beziehung zu sich selbst
Ein zentraler Aspekt depressiver Prozesse ist die Beziehung, die wir zu uns selbst führen. Viele Betroffene berichten von einer strengen, abwertenden inneren Stimme. Gedanken wie Ich müsste doch… oder Andere schaffen das auch verstärken das Gefühl von Versagen.
Doch diese innere Härte ist oft selbst ein Ergebnis früher Anpassung. Sie sollte motivieren, schützen oder Zugehörigkeit sichern. In depressiven Phasen wirkt sie jedoch wie ein zusätzlicher Druck, der Heilung erschwert.
Ein behutsamer Perspektivwechsel kann hier hilfreich sein: Was, wenn diese innere Stimme nicht bekämpft, sondern verstanden werden möchte? Was, wenn sie aus einer Zeit stammt, in der sie tatsächlich notwendig war?
Wie sprichst du innerlich mit dir, wenn es dir schlecht geht? Und wie würdest du mit einer Freundin sprechen, die sich genauso fühlt?
Depressive Symptome als Unterbrechung eines alten Lebensentwurfs
Nicht selten treten depressive Symptome in Übergangsphasen auf: nach einer Trennung, im Mutterwerden, bei beruflichen Veränderungen oder in der Lebensmitte. Phasen, in denen alte Rollen nicht mehr tragen und neue noch nicht klar sind.
In solchen Momenten gerät das bisherige Selbstbild ins Wanken. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr leiste? Wenn ich nicht mehr gebe? Wenn ich nicht mehr funktioniere? Die depressive Phase kann dann als eine Art innerer Zwischenraum verstanden werden – schmerzhaft, unklar, aber auch potenziell transformierend.
Das Leben fordert eine Neuausrichtung, doch der Weg dorthin ist oft von Trauer, Angst und Orientierungslosigkeit geprägt. Diese Gefühle zuzulassen, statt sie zu pathologisieren, kann ein wichtiger Schritt sein.
Scham und das Gefühl des Andersseins
Ein besonders belastender Aspekt depressiver Symptome ist die Scham. Viele Frauen fühlen sich isoliert, unverstanden oder „falsch“. Nach außen funktioniert vieles vielleicht noch, während innerlich alles schwer ist. Diese Diskrepanz verstärkt das Gefühl, nicht dazuzugehören.
Scham entsteht oft dort, wo wir glauben, Erwartungen nicht zu erfüllen. Gesellschaftliche Rollenbilder – stark, belastbar, fürsorglich – lassen wenig Raum für Erschöpfung oder Rückzug. Depressive Symptome widersprechen diesen Bildern und werden deshalb innerlich bekämpft.
Dabei braucht gerade dieser Zustand Verbindung und Mitgefühl. Nicht im Sinne schneller Lösungen, sondern im ehrlichen Gesehenwerden.
Was glaubst du, was andere über dich denken würden, wenn sie wüssten, wie es dir wirklich geht?
Der Körper als Mitsprecher
Depressive Prozesse zeigen sich nicht nur im Denken und Fühlen, sondern auch im Körper. Schwere Glieder, Schlafstörungen, innere Unruhe oder ein Gefühl von innerer Leere sind häufige Begleiter. Der Körper trägt oft das, was seelisch nicht ausgedrückt werden konnte.
Ein achtsamer Blick auf körperliche Signale kann helfen, wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen. Nicht um etwas zu „reparieren“, sondern um zuzuhören. Der Körper spricht eine klare Sprache – jenseits von Bewertungen.
Hoffnung jenseits von Positivdenken
Hoffnung in depressiven Phasen fühlt sich oft fern an. Gut gemeinte Ratschläge oder positives Denken können dann eher Druck erzeugen als helfen. Aus systemischer Sicht entsteht Hoffnung nicht durch Zwang, sondern durch Beziehung, Verständnis und kleine, reale Erfahrungen von Selbstwirksamkeit.
Hoffnung kann bedeuten, sich selbst in diesem Zustand nicht zu verlassen. Sich Unterstützung zu erlauben. Den eigenen Prozess ernst zu nehmen, auch wenn der Weg unklar ist.
Wie ich dich in meiner Beratung begleite
In meiner Beratung begegne ich depressiven Symptomen als Ausdruck eines inneren Zustands, der Sinn hat – auch wenn er schmerzhaft ist. Wir betrachten sie als Sprache deines Systems und erkunden gemeinsam, welche Überforderung, innere Spannung oder lange zurückgestellten Bedürfnisse sich darin zeigen.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht Analyse oder Selbstoptimierung, sondern ein sicherer Rahmen. Ein Raum, in dem du dich wieder wahrnehmen kannst, ohne etwas leisten oder erklären zu müssen. Wir arbeiten in deinem Tempo und orientieren uns daran, was für dein Nervensystem gerade tragbar ist.
Systemische Beratung bedeutet für mich, dich im Zusammenhang deiner Lebensgeschichte, deiner Beziehungen und deiner inneren Muster zu sehen. Wir schauen behutsam darauf, welche Anpassungen früher notwendig waren – und heute vielleicht nicht mehr tragen. Nicht, um Schuld zu suchen, sondern um Verständnis zu vertiefen und neue Wahlmöglichkeiten entstehen zu lassen.
Veränderung muss dabei nicht erzwungen werden. Oft beginnt Entlastung dort, wo depressive Symptome ernst genommen und verstanden werden – und wo du dich selbst wieder als jemanden erleben darfst, der reagiert: nicht falsch, sondern menschlich.
Wenn du mehr über mich und meine Arbeitsweise erfahren möchtest, findest du hier weitere Informationen: