In öffentlichen Debatten, Medienbeiträgen und Gesprächen taucht immer wieder die Frage auf, wie beziehungsfähig junge Erwachsene heute eigentlich noch sind. Die Generation Z könne keine Beziehungen mehr führen. Zu unverbindlich, zu sprunghaft, zu schnell weg. Situationships statt Partnerschaft, Rückzug statt Commitment – so lautet das gängige Narrativ.
Doch dieser Blick greift zu kurz. Und er ist vor allem eines: unfair. Denn er blendet aus, unter welchen Voraussetzungen diese Generation Beziehung gelernt hat – oder eben nicht.
Eine Generation ohne tragfähige Beziehungsvorbilder
Viele junge Erwachsene sind mit Beziehungsmustern aufgewachsen, die wenig mit emotionaler Gesundheit zu tun hatten. Beziehungen, in denen Konflikte vermieden statt geklärt wurden, in denen emotionale Nähe unsicher oder wechselhaft war, in denen man zusammenblieb, obwohl man innerlich längst gegangen war. Beziehungen, die nach außen stabil wirkten, nach innen jedoch von Abhängigkeit, Anpassung oder emotionaler Leere geprägt waren.
Für Kinder und Jugendliche waren das keine tragfähigen Vorbilder für gesunde Nähe. Es waren Modelle des Durchhaltens. Modelle, in denen Funktionieren wichtiger war als Verbundenheit und in denen Liebe oft mit Aushalten verwechselt wurde.
Wenn die Generation Z heute sagt: „So möchte ich Beziehung nicht leben“, dann ist das keine Verweigerung von Bindung. Es ist eine bewusste Abgrenzung von dem, was sie erlebt hat.
Warum die Generation Z Beziehung anders leben will
Diese Generation stellt eine grundlegende Frage, die früher selten gestellt wurde: Warum sollte ich in einer Beziehung bleiben, die mich innerlich klein macht, verunsichert oder dauerhaft erschöpft?
Die Bereitschaft, sich selbst zu verlieren, emotionale Unsicherheit zu normalisieren oder aus Angst vor dem Alleinsein zu bleiben, ist deutlich geringer. Das wirkt von außen oft wie Bindungsscheu oder Rückzug. Tatsächlich ist es häufig ein Versuch, Beziehung und Selbstschutz miteinander zu vereinbaren.
Nicht: Ich will keine Beziehung. Sondern: Ich will keine Beziehung um jeden Preis.
Der entscheidende Punkt: Der Wunsch ist da – das „Wie“ fehlt
Was dabei häufig übersehen wird: Der Wunsch nach Nähe, Verlässlichkeit und emotionaler Verbindung ist bei der Generation Z sehr wohl vorhanden. Was fehlt, sind konkrete innere Landkarten dafür, wie gesunde Beziehung im Alltag aussieht.
Wie spricht man über Konflikte, ohne den anderen abzuwerten oder sich selbst zu verlieren? Wie bleibt man verbunden, wenn Nähe Angst macht oder alte Verletzungen aktiviert werden? Wie findet man ein Gleichgewicht zwischen Autonomie und Bindung, ohne dass eines das andere verdrängt?
Diese Fähigkeiten entstehen nicht automatisch. Sie wurden selten vorgelebt und lassen sich nicht allein durch Reflexion oder gute Vorsätze ersetzen. Beziehung wird dadurch zu einem Lernfeld, das von Unsicherheit begleitet ist.
Deshalb erleben wir bei vielen jungen Menschen Beziehungen, die über Ausprobieren, Korrigieren, Trennen und Neubeginnen verlaufen. Das wirkt instabil. Tatsächlich ist es oft ein Suchprozess. Ein Versuch, etwas zu gestalten, wofür es kaum erprobte Vorbilder gibt.
Zwischen Selbstschutz und Vermeidung
Eine differenzierte Betrachtung bedeutet auch, kritisch zu bleiben. Nicht alles, was unter dem Begriff „neue Beziehungskultur“ verhandelt wird, ist automatisch gesund. Manches kippt in emotionale Vermeidung, in Rückzug bei Konflikten oder in vorschnelles Beenden, bevor echte Auseinandersetzung stattfinden kann.
Entwicklung verläuft selten geradlinig. Wenn vertraute Beziehungsmuster hinterfragt werden, entsteht zunächst ein Zwischenraum: Alte Sicherheiten greifen nicht mehr, neue Formen sind noch nicht gefestigt. Diese Phase ist kein Zeichen von Orientierungslosigkeit oder Scheitern, sondern Ausdruck von Bewusstheit. Beziehung wird nicht mehr einfach übernommen, sondern aktiv gestaltet – Schritt für Schritt.
Eine Übergangsgeneration zwischen alten Mustern und neuen Wegen
Die Generation Z steht zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite Beziehungsmodelle, die Stabilität versprachen, aber oft emotionale Kosten hatten. Auf der anderen Seite neue Vorstellungen von Nähe, Gleichwertigkeit und Selbstverantwortung, die noch keine klare kulturelle Form gefunden haben.
Das macht Beziehungen fragiler. Aber auch ehrlicher. Weniger getragen von Angst vor dem Alleinsein, mehr von der Frage, ob eine Verbindung wirklich nährt.
Der Vorwurf der Beziehungsunfähigkeit verkennt genau das. Diese Generation ist nicht unfähig zu lieben oder sich zu binden. Sie ist die erste, die Beziehung bewusster, kritischer und weniger aus Pflichtgefühl heraus lebt.
Ein Blick aus der Praxis
In meiner Arbeit erlebe ich viele junge Frauen, die sich Beziehung wünschen und gleichzeitig große Unsicherheit spüren. Nicht, weil sie nichts fühlen. Sondern weil sie nie erlebt haben, wie sich stabile, gesunde Nähe langfristig anfühlt.
Beziehung ist für sie kein Selbstläufer. Sie ist etwas, das gelernt, reflektiert und immer wieder überprüft werden muss. Das ist anstrengend. Aber es ist auch eine Chance.
Vielleicht ist die Generation Z nicht beziehungsunfähig. Vielleicht ist sie einfach die erste, die sich nicht mehr mit Beziehungen zufriedengibt, die innerlich nicht tragen.
Wenn du mehr über mich und meine Arbeitsweise erfahren möchtest, findest du hier weitere Informationen: